Religiosität im gesellschaftlichen Wandel/ Missionarische Pastoral

 
Derzeit wird „Wandel“ in vielen Bereichen spürbar, z.B. im Beruf, in der Familie, in der Gesellschaft, in der Welt und in der Schöpfung. Dabei kann Wandel sehr tiefgreifend sein oder auch kaum erkennbar. Auch kann Wandel positive oder negative Auswirkungen haben. Wandel, sofern er nicht nur von kurzer Dauer ist, erfordert immer einen „Kurswechsel“. Ein „Weiter so“ ist dann ein „No-Go“ und der Wandel fordert eine Neuausrichtung.
Auch in den verschiedenen Religionen ist derzeit ein Wandel erfahrbar, ausgelöst durch einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, aber auch durch einen großen Vertrauensverlust. Daher muss auch in der Pastoral ein tiefgreifender Kurswechsel vollzogen werden. Der Schwerpunkt einer Pastoral für morgen muss vom „Gehet hinaus“ geprägt sein, damit das „Komm und sieh“ für die Menschen wieder attraktiv wird. „Der geschwisterliche Umgang mit den Mitmenschen und ein solidarisches Dasein für andere“, so Judith Lurweg, schafft „Beziehung“. „Eine solche ‚missionarische Präsenz‘ bietet wertvolle Anregungen für eine zeitgemäße und lebenspraktische Verkündigung“, schreibt Judith Lurweg.
Durch eine „Missionarische Pastoral“ aller Beteiligten („Ihr sollt meine Zeugen sein!“) können wir die „Lücken“ im Leben und/oder Glauben der Menschen erkennen und eine konkrete Antwort darauf geben.

Zielgruppe

Menschen
  • denen etwas fehlt (Lebens- und/oder Glaubenslücke)
  • denen nichts zu fehlen scheint (Ich glaub' nichts, mir fehlt nichts)
  • die an einer missionarischen Pastoral mitwirken wollen

Ziele

Pastoral mit folgenden Eigenschaften:
  • lokal („Pfarrei Neu“-bezogen oder digital)
  • partizipativ
  • spirituell
  • kreativ
  • bedarfsorientiert
  • beziehungsfähig
  • evaluiert
  • vernetzt

Inhalte/Tätigkeiten/Maßnahmen, die sich aus den Zielen ergeben

Eine missionarische Pastoral kann sich am leichtesten an den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Menschen vor Ort (lokal) orientieren. Hierbei gilt es auf die „Lücke zu achten“ („mind the gap“), die konkret bei den Menschen vor Ort besteht. Dabei kann es sich um Glaubens- oder Lebenslücken handeln. Solche „Lücken“ lassen sich lokal am schnellsten finden. Eine missionarische Pastoral auf der Ebene der „Pfarrei Neu“ oder sogar im digitalen Raum ist genauso denkbar, dürfte aber sicherlich schwieriger zu etablieren sein und erfordert professionelle Kapazitäten. Um Kirche vor Ort ein Gesicht zu geben, soll in diesem Punkt lediglich eine lokale missionarische Pastoral betrachtet werden.
Um die „Lücken“ vor Ort besser finden zu können, ist es sinnvoll, eine Projektgruppe, ein Team oder eine Community zu bilden, um ein breiteres Spektrum und mehr „Power“ zur Lückenfindung zu erhalten. Darüber hinaus sollten Möglichkeiten geprüft werden, um sich z.B. mit anderen Gruppen, Organisationen, Gemeinden, usw. zu vernetzen. Dabei sollte es keine Berührungsängste oder Vorbehalte gegenüber Anderen geben. Es ist wichtig, in möglichst vielen Menschen die Sehnsucht zu wecken, auf die Lücken in ihrem Umfeld zu achten und darauf aufmerksam zu machen. Durch die Partizipation möglichst Vieler können viele Lücken schnell entdeckt werden.
Besonders hervorzuheben ist, dass alle sensibel sein müssen, um mithelfen zu können, die Bedürfnisse und dabei vor allem die Lücken zu entdecken, indem von möglichst Vielen der Kontakt zu den Menschen gesucht wird. Missionarische Pastoral kann nicht an eine Gruppe delegiert werden, denn Missionarisch Pastoral kann nur gelingen, wenn sich möglichst viele daran beteiligen. Die Projektgruppe kann lediglich Möglichkeiten ausprobieren und neue Impulse geben.
Die Umsetzung einer „Missionarischen Pastoral“ muss auch durch den Glauben getragen und im Gebet begleitet werden (z.B. Selbstgeschriebenes gemeinsames Gebet, Gruppe/Team/Community „mission and pray“). Dabei können auch Fragen wie „Was ist unsere konkrete Aufgabe als Christen hier vor Ort?“ und „Was fehlt, wenn wir als Christen hier vor Ort fehlen?“ immer wieder bewusst machen, was der Auftrag von uns Christen an einem ganz konkreten Ort ist. Ohne den Geist Jesu kann aus der scheinbaren Aufgabe „mission impossible“ eine „mission possible“ werden.
Um mit den Menschen vor Ort in einen guten Austausch zu kommen, müssen neue und kreative Wege (z.B. Kaffee-Mobil, Pommes-Bude, Puzzle-Stand, Slackline, Kneipe) ausprobiert werden. Durch „neue“ Formen des Austauschs kann man leichter mit den Menschen, die man sonst nur sehr schwer oder auch überhaupt nicht erreicht, in den Austausch kommen. Um solche Maßnahmen durchführen zu können, ist Kreativität, Experimentierfreude, Mut zum Scheitern und Offenheit bei den Beteiligten notwendig.
Missionarische Pastoral schafft Beziehung und Beziehungen wollen auch gepflegt sein. Denn „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ sagt schon der Fuchs im Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupéry. Daher ist es wichtig, beziehungspflegende Elemente in einer Missionarischen Pastoral zu etablieren.
Die durchgeführten Maßnahmen zu überprüfen, ist eine Voraussetzung, damit eine solche Patoral sich weiterentwickeln kann. Evaluation findet in vielen Bereichen unseres Lebens statt, so dass dieses „Werkzeug“ auch in der Missionarischen Pastoral eingesetzt werden muss.
Ein weiterer Baustein zur Umsetzung einer Missionarischen Pastoral ist die Vernetzung mit anderen. Dies bedeutet zum einen Informationen zu sammeln, was andere in diesem Bereich tun, und sich darüber auszutauschen. Zum anderen bedeutet Vernetzung auch, sich mit Partnern (z.B. Gruppierungen, Vereinen, Gemeinden, Verbänden) aus anderen Bereichen auszutauschen und/oder zusammenzuschließen, um Maßnahmen besser durchführen zu können. Darüber hinaus ist es auch wichtig, andere über die eigenen Missionarischen Pastoral zu informieren (z.B. Homepage, Soziale Medien, Vorträge). Gerade dadurch wird man in die Lage versetzt, den eigenen Weg zu reflektieren und zu optimieren.

Acht Schritte zur Challenge „mission possible“

Um mit einer Missionarischen Pastoral in einer Gemeinde zu starten, könnte folgende Vorgehensweise hilfreich sein, um die Herausforderung (Challenge) „Zeugen Jesu zu sein“ anzugehen:
  1. Entdecker (Explorer) suchen (lokal)Nach einer Infoveranstaltung in der Gemeinde zur „Challenge ‚mission possible‘“ durch einen Hauptamtlichen und/oder Ehrenamtlichen, der für eine Missionarische Pastoral in der Pfarrei Neu Ansprechpartner ist, versucht das Gemeindeteam vor Ort mindestens eine Person, die sich als Entdecker (Explorer) für diese Challenge begeistern kann, zu finden. Diese Person dient dann als Ansprechpartner und Initiator für das Projekt innerhalb der Gemeinde. Dabei ist es wichtig, dieses Projekt zeitlich zu begrenzen (z.B. Dauer 1 Jahr) und den Aufwand klar zu definieren (z.B. 1 bis 3 Wochenstunden). Evtl. sind Fördermaßnahmen, Informationen über bereits bestehende Konzepte und der Austausch mit anderen Personen, Gruppierungen, Gemeinden oder Einrichtungen notwendig. Durch verschiedene Informationswege (z.B. Info-Abend, Homepage, Flyer), aber vor allem durch die persönliche Ansprache, kann ein solcher Explorer vom Gemeindeteam gefunden werden.
  2. Wegbereiter (Groundbreaker) finden (partizipativ)Im nächsten Schritt versucht der Explorer mit Unterstützung des Gemeindeteams, andere Menschen für ein solche Challenge zu gewinnen. Dabei sollte nicht nur in den Reihen der bisher Engagierten in der Gemeinde gesucht werden, sondern vor allem nach Personen, die dafür geeignet sind, z.B. weil diese über Kreativität, Offenheit und Neugierde für neue Wegen verfügen, kontaktiert werden. Diese Menschen müssen auch nicht zwangsläufig zur Gemeinde gehören. Auch bei diesem Schritt können durch verschiedene Informationsmöglichkeiten (z.B. Info-Abend, Homepage, Flyer, evtl. konkrete Begegnungsmöglichkeiten) und ganz besonders durch die persönliche Ansprache solche Wegbereiter gefunden werden.
  3. Glaubensquelle (source of spirit) etablieren (spirituell)Gemäß Apg 1,8 „…ihr werdet meine Zeugen sein…“ kann eine missionarische Pastoral nur gelingen, wenn die Entdecker und Wegbereiter die christliche Botschaft und die Verbundenheit mit Jesus durch ihr Leben bezeugen können. Diese verbindende Gemeinschaft mit Jesus kann durch ein z.B. selbstgeschriebenes Gebet, das jede/r Einzelne täglich betet, zum Ausdruck kommen und durch regelmäßige (z.B. 14 tägige) Treffen, bei denen es immer einen geistliche Impuls gibt, vertieft werden. Die zeitliche Dimension sollte sich an den Möglichkeiten der Teilnehmer orientieren. Es ist nicht das Ziel einen Gebets- oder Bibelkreis zu gründen, sondern den gemeinsam praktizierten Glauben als Quelle für die konkrete Missionarische Pastoral vor Ort zu nutzen.
  4. Austausch (Exchange) schaffen (kreativ) Um die Bedürfnisse, Sehnsüchte und die Lücken der Menschen vor Ort wahrnehmen zu können, ist es wichtig, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Dies kann durch die Schaffung von Möglichkeiten für zufällige Begegnungen (z.B. Pommes-Bude, Internetplattform) oder aber auch durch professionelle Befragungen (z.B. Interviews) der Menschen erfolgen. Ganz besonders wichtig ist es dabei, kreativ zu sein, um Menschen neugierig zu machen. Es geht nicht darum unsere Angebote zu präsentieren, sondern herauszufinden, was den Menschen fehlt oder gefällt. Bei der Durchführung braucht es Ausdauer, um verschiedene Begegnungsmöglichkeiten evtl. auch mehrmals auszuprobieren. Auch Scheitern gehört dazu.
  5. Lücke (Gap) schließen (bedarfsorientiert) Ist eine solche Lücke erkannt worden, sind zur Schließung der Lücke evtl. kreative und pragmatische Wege notwendig. Ein „Hat es ja noch nie gegeben“ ist ein „No-Go“. Deshalb bedarf es einer Offenheit und Experimentierfreude der Entdecker und Wegbereiter, um Lösungsmöglichkeiten für diese Lücken vor Ort zu finden. Dazu sollten auch Kooperationen mit anderen Personengruppen oder Organisationen in Betracht gezogen werden. Eine Mitbestimmung des Gemeindeteams ist allerdings nur bei Finanzen und Ressourcen notwendig.
  6. Beziehungen (Relationships) pflegen (beziehungsfähig)
     
    Sowohl bei der Erkennung von Lebens-/Glaubenslücken als auch bei deren konkreten Lösungen werden Beziehungen geschaffen. Diese Beziehungen müssen durch verschiedene regelmäßige Kontakte gepflegt werden. Dazu können Treffen in einer größeren Gruppe, aber auch Einzelkontakte z.B. Telefonate helfen, die Kontakte zu Personen zu vertiefen. Missionarische Pastoral muss immer Menschenorientiert sein und damit die Beziehungsfähigkeit als ein Merkmal besitzen.
  7. Evaluierung (Evaluation) durchführen (evaluiert)
    Es ist sehr wichtig, Maßnahmen immer wieder zu evaluieren. Dies betrifft sowohl die Begegnungsmöglichkeiten, um Lücken zu erkennen, als auch die Maßnahmen diese zu schließen. Dies kann innerhalb der Gruppe geschehen, aber auch in Verbindung mit dem Gemeindeteam, den Verantwortlichen für die Missionarische Pastoral auf der Ebene der Pfarrei Neu oder mit Experten.
  8. Vernetzung (Connection) ermöglichen (vernetzt)
    Damit eine Missionarische Pastoral nicht nur lokal bleibt, sondern auch Neugierige in anderen Gemeinden findet, ist es wichtig von Anfang an, über die Entwicklung des Projektes zu informieren. Es geht darum, durch Transparenz mehr Menschen darauf aufmerksam zu machen und zur Mitwirkung oder Nachahmung zu motivieren. Mit Hilfe einer Homepage, Sozialer Medien und Info-Veranstaltungen kann eine solche Öffentlichkeitsarbeit erfolgen.
 

Ressourcen

  • Räume für Team-Treffen, Veranstaltungen (z.B. Gemeindehaus)
  • Orte der Begegnung (z.B. Kaffee, Kneipe, Markt- oder Parkplatz, Straßenabschnitt)
  • Mobile Begegnungsmöglichkeiten (z.B. mobile Kaffeebar, Pommesbude, Klapptisch, Slackline, Sitzbank)
  • Soziale Medien (z.B. Homepage, Facebook, Zoom usw.)

Personelle Ressourcen (haupt- und ehrenamtlich)

Ansprechpartner
  • Hauptamtlich
  • mindestens 100%
  • Ansprechpartner und Impulsgeber für Ehren- und Hauptamtliche
  • Findung von „lokalen“ Entdeckern durchführen
  • Entdecker und Wegbereiter begleiten
  • Kooperation mit Ehrenamtskoordination, Gemeindeteams
  • Eventmanager, der selbst Events in der Missionarischen Pastoral managet (z.B. Weihnachtsmarkt, Maimarkt)
Entdecker
  • Ehrenamtlich
  • Verbindliche Teilnahme
  • Zeitlich Kapazitäten definieren
Wegbereiter
  • Ehrenamtlich
  • Projektspezifische Teilnahme (Anfang und Ende)
  • Zeitliche Ressourcen festlegen (z.B. 3 Wochenstunden)

Finanzielle Ressourcen

  • Raumkosten (z.B. Besprechungsraum)
  • Mietkosten (z.B. Kaffeebar, Begegnungsstätte)
  • Investitionskosten (z.B. Gebühr für soziale Medien, mobile Begegnungsmöglichkeiten)

Quellenverzeichnis:

·         Missionarisch Kirche sein als Grundhaltung aller kirchlichen Pastoral
https://kamp-erfurt.de/fileadmin/user_upload/artikel_pdf/2010-02-12_Hermann_Missionarisch_Kirche_sein_als_Grundhaltung.pdf
·         Grundfragen missionarischer Pastoral
https://kamp-erfurt.de/grundfragen-missionarischer-pastoral
·         Sieben Thesen zur „missionarischen Pastoral“
https://www.herder.de/afs/themen/seelsorger/zur-renaissance-eines-fast-vergessenen-begriffs-sieben-thesen-zur-missionarischen-pastoral/
·         Missionarische Pastoral
https://www.bistum-speyer.de/seelsorge/missionarische-pastoral/
·         Auf dem Weg zu einer hörenden Kirche im Sozialraum
https://freshexpressions.de/auf-dem-weg-zu-einer-hoerenden-kirche-im-sozialraum/
·         Tatkräftig anpacken im Sozialraum
https://freshexpressions.de/tatkraeftig-anpacken-im-sozialraum/
·         Gebet, Arme und Friede sind die Grundpfeiler der Gemeinschaft.
https://www.santegidio.org/pageID/30008/langID/de/DIE-GEMEINSCHAFT.html
·         Die Missions-Strategie der Willow Creek Community Church
https://www.missio-hilft.de/missio/informieren/wofuer-wir-uns-einsetzen/zeitgemaesses-missionsverstaendnis/missio-hilft-mission-respekt-christliches-zeugnis-in-oekumenischer-weite-berlin-2016.pdf
·         Zukunftsbild Stadtkirche Mannheim
https://www.kathma.de/kirchenentwicklung/zukunftsbild/
·         Mission anders denken
Judith Lurweg, Lebendige Seelsorge 74. Jahrgang 4/2023 (S. 282-286)
·         Space for Grace
Miriam Zimmer und Cyra Gendig, Echter Verlag, Würzburg 2023 (www.echter.de)

Ansprechpersonen

    • Sinnwell-Henkes, Silvia
    • Kunz, Daniel, Pfarrer
    • Henkes, Mark